DIE BILANZFLUENCER
Fussball – Mehr Beine als Steine
In ihrer ersten Kolumne zeigen die Bilanzfluencer am Beispiel des Abschlusses der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA (BVB) eindrücklich, welchen Einfluss das besondere Geschäftsmodell Profifussball auf den Jahresabschluss hat.
Die Bilanzfluencer
Bilanzen erzählen Geschichten, und wie man diese Geschichten verständlich macht, zeigen die Bilanzfluencer in ihrem monatlichen Podcast (u.a. YouTube, Spotify und Apple Podcast). Die besonderen Bijous aktueller Bilanzgeschichten präsentieren sie künftig unter dieser Kolumne im Standard.
Der BVB notiert an der Börse und berichtet daher wie alle Unternehmen dort in schönster Transparenz nach internationalen Berichtsregeln (International Financial Reporting Standards - IFRS) über seinen wirtschaftlichen Allgemeinzustand.
Beginnen wir mit einem Blick in die Bilanz: Zum 30.6.2025 verfügt der BVB über ein Vermögen von 615 Mio. Euro. Und hier wird schon die erste Besonderheit des Geschäftsmodells deutlich: Der grösste Vermögenswert sind mit 241 Mio. Euro oder rund 39 Prozent des Gesamtvermögens die immateriellen Vermögenswerte. Das ist deutlich mehr als z.B. bei Novartis (27 Prozent), für die immaterielle Vermögenswerte ebenfalls eine herausragende Bedeutung haben.
Mehrheitlich steht das Spielervermögen – genauer gesagt die Rechte, diese Spieler antreten zu lassen – dahinter. Das ist sogar deutlich mehr als die mit 81000 Zuschauern fassende grösste deutsche und sechstgrösste Fussballarena Europas, das «nur» mit 170 Mio. Euro auf der Bilanz liegt!
Wechselt ein Spieler aus einem laufenden Arbeitsvertrag den Verein, hat der abgebende Verein Anrecht auf eine Transferentschädigung. Wechsel nach Ablauf des Arbeitsvertrags sind nach dem wegweisenden «Bosmann-Urteil» des EuGH aus dem Jahr 1995 ablösefrei. Das Spielervermögen umfasst daher nur die gezahlten Transferentschädigungen, die über die geschätzte Vertragslaufzeit (3 bis 5 Jahre) planmässig abgeschrieben werden.
Selbstentwickelte Spieler dürfen nicht als immaterielle Vermögenswerte aktiviert werden, da sich die Entwicklungskosten nicht zuverlässig bestimmen lassen. Wer soll schon festlegen, ob der nächste Euro, der für das Spielertraining ausgegeben wird, der Erhaltung des bestehenden Leistungsvermögens des Spielers oder dessen Entwicklung dient?
Natürlich unterliegen diese immateriellen Werte auch den Impairmentvorschriften des IAS 36. Neben der «technical obsolescence», das heisst den Einsatzeinschränkungen aufgrund schwerer Verletzungen oder dauerhafter Leistungsminderung, sind auch bei Vorliegen von «triggering events» die realisierbaren Beträge des gesamten Spielervermögens zu ermitteln. Solche «triggering events» können z.B. die dauerhafte Verfehlung der sportlichen Ziele sein.
Die Mannschaft ist hierbei als zahlungsmittelgenerierende Einheit anzusehen, da ein einzelner Spieler keine von den anderen Spielern unabhängigen Zahlungsmittelzuflüsse generiert.
Zu den immateriellen Vermögenswerten kommen noch die «zur Veräusserung gehaltenen Vermögenswerte» von 11 Mio. Euro. Hierbei handelt es sich um Spieler, für die bereits Transferverträge vorliegen, die aber aufgrund der festgelegten Transferperioden den BVB erst frühestens im Juli, d.h. nach Bilanzstichtag, verlassen können. Auf diese wurde bereits eine Wertminderung von 8 Mio. Euro gebucht, das heisst, die vereinbarten Transfererlöse decken die Buchwerte nicht.
In Summe sind wir dann bei rund 40 Prozent des Gesamtvermögens, das in Spielerbeinen steckt. Ein Wert, der sich sehr schnell verflüchtigen kann und daher eine grosse Wette darstellt.
Transferlogik: Bewertung wie eine Wette
Das ist aber noch nicht alles. Aus der Bilanz lässt sich weiterhin entnehmen, dass es rund 127 Mio. Euro Forderungen aus Lieferungen und Leistungen gibt, wovon 47 Mio. Euro langfristig sind. Darin stecken, wie sich dem Anhang entnehmen lässt, insgesamt 87 Mio. Euro (Vorjahr: 147 Mio. Euro!) Transferforderungen.
Wegen der grossen Unsicherheit bezüglich des «wahren» Wertes eines Spielers und seiner künftigen Performance enthalten Transferverträge häufig zahlreiche variable Preisbestandteile, wie z.B. zusätzliche Zahlungen bei Erreichen einer bestimmten Anzahl von Einsätzen in Club- und/oder Nationalmannschaft, erzielte Punkte, Erreichen bestimmter Platzierungen oder Runden in der Champions League.
Bilanztechnisch stellen diese Vermögenswerte finanzielle Vermögenswerte gemäss IFRS 9 dar und sind mit ihrem beizulegenden Zeitwert zu bewerten, das heisst, diese werden von der Buchhaltung unter Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten des Erreichens der unsicheren variablen Zahlungen bewertet, was entfernt an Fussballwetten erinnert.
Die finanzielle Performance hängt somit nicht nur vom aktuellen Spielerkader, sondern wesentlich auch von ehemaligen Spielern ab! Insgesamt summiert sich das in den Spielerbeinen steckende Vermögen auf 337 Mio. Euro oder 54 Prozent des Gesamtvermögens.
Dem stehen zwar auf der Passivseite Transferverbindlichkeiten von 154 Mio. Euro gegenüber. Diese mindern aber nicht unbedingt das Risiko da auch ihre Anpassungen erfolgswirksam zu erfassen sind.
Eine riesige Fussballwette!
Erfolgsrechnung: Viel Umsatz, wenig Gewinn
Wie das Management mit diesen Risiken umgeht und welchen Erfolg es dabei erzielt, zeigt die Gewinn- und Verlustrechnung des BVB.
Der BVB hat im Jahr 2024/2025 einen Umsatz in Höhe von 526 Mio. Euro erzielt. Eine Aufgliederung der Umsatzerlöse im Anhang zeigt, dass hiervon nur rund 10 Prozent aus den Ticketerlösen stammen. Eine etwas überraschende Erkenntnis angesichts der grossen Fussballarena, die zu 100 Prozent ausgelastet ist, das heisst bei jedem Spiel ausverkauft! Oder etwas sarkastisch formuliert: Wirtschaftlich kann der Fussball ohne Stadionzuschauer stattfinden.
Viel wichtiger sind die Einnahmen aus TV-Vermarktung und Werbung, die rund 72 Prozent der Gesamterlöse ausmachen. Diese sind naturgemäss sehr volatil und hängen wegen des sehr geheimnisvollen und schwer durchschaubaren Verteilungsmechanismus der DFL und der UEFA massgeblich vom sportlichen Erfolg ab.
Die Transferergebnisse darf der BVB seit der IFRIC Agenda Entscheidung vom Juni 2020 nicht mehr in den Umsatzerlösen erfassen. Sie werden seitdem als gesonderte Posten in der GuV ausgewiesen. Und da es nicht jedes Jahr einen Jude Bellingham Transfer mit geschätzten Transfererlösen von 120 Mio. Euro gibt, wie im Vorjahr, sind auch diese Erträge sehr volatil.
Eine weitere grosse Wette!
Weniger stark schwanken allerdings die Aufwendungen. Hier schlagen insbesondere die Personalaufwendungen mit rund 51 Prozent vom Umsatz zu Buche. Von den gesamten Personalaufwendungen von 241 Mio. Euro entfallen geschätzte 150 Mio. Euro auf den Spielerkader. Das bedeutet, dass 3 Prozent der Mitarbeitenden 62 Prozent der Personalkosten verursachen.
Dazu kommen noch rund 20 Prozent Ab-schreibungen, das heisst, über 70 Prozent der Umsätze gehen für fixe Aufwendungen drauf. Das führt zu einem Jahresüberschuss (immerhin) von mageren 9 Mio. Euro (Vorjahr: 44 Mio. Euro, Glückwunsch!). Das entspricht einer Nettorendite von dürftigen 1.8 Prozent (Vorjahr: 8.7 Prozent), obwohl die Saison mit dem vierten Platz in der Bundesliga und dem Erreichen des Viertelfinals in der Champions League nicht so schlecht war.
Cashflow: Die finanzielle Liga entscheidet mit
Und wieviel bleibt davon in der Kasse? Fast nichts, wie die Geldflussrechnung zeigt. Von dem operativen Cashflow von 58 Mio. Euro und den Transfereinnahmen von 137 Mio. Euro müssen 109 Mio. Euro in den Spielerkader für die kommende Saison investiert werden. Geld schiesst eben häufig doch Tore und ohne einen hochqualitativen Kader wird man die sportlichen Ziele, die auch für den wirtschaftlichen Erfolg wichtig sind, nicht erreichen. Ein Teufelskreis.
Zusammen mit den Investitionen in Sachanlagen verbleibt ein positiver Free Cashflow von gerade einmal 21 Mio. Euro, mageren vier Prozent vom Umsatz. Herzlichen Glückwunsch möchte man trotzdem sagen, denn es ist der erste positive Free Cashflow seit vielen Jahren.
Ein Vergleich mit dem sportlichen Wettbewerb zeigt, dass dies keine Besonderheit des BVB ist, sondern eher ein generelles Problem des Geschäftsmodells Profifussball: Von den neun von uns analysierten Fussballclubs sind lediglich zwei (Celtic Glasgow und FC Bayern München) in der Lage, ihren Geschäftsbetrieb ohne externen Kapitalzufluss dauerhaft fortzuführen. Bei zwei weiteren (Ajax und Porto) gelingt dies nur durch Zahlungsmittelzuflüsse aus dem Investitionsbereich. Fünf Clubs, die sämtlich zur europäischen Spitze gehören, sind ständig auf externen Kapitalzufluss angewiesen.
Am Ende ist das Geschäftsmodell Profifussball dann doch ganz einfach erklärt: Der sportliche Erfolg ist unabdingbar für ein finanzielles Polster, womit sich die Richtigkeit der Aussage des langjährigen BVB-Kapitäns, Alfred «Adi» Preissler, eindrucksvoll bestätigt: «Entscheidend is' auf'm Platz!»


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