LEADERSHIP
Wenn Zahlen mit Hilfe von Orangenjus Sinn ergeben
Zahlen prägen Entscheidungen, doch sie entfalten erst dann Wirkung, wenn sie verstanden werden. Führung mit Zahlen bedeutet, Kennzahlen zu kommunizieren, zu deuten und verständlich zu übersetzen. Ob Zahlen verstanden werden, entscheidet sich dabei nicht durch ihre Genauigkeit, sondern bei ihrer Vermittlung im Alltag.
Organisationen stehen immer wieder vor der Herausforderung, wirtschaftlich notwendige, aber emotional anspruchsvolle Entscheidungen zu kommunizieren. Besonders bei Sparprogrammen oder neuen Kostenmodellen zeigt sich eine verbreitete Annahme: Zahlen sprechen für sich, Diskussionen seien damit überflüssig.
Diese Annahme greift zu kurz. Zahlen sind keine Wahrheit an sich und werden unterschiedlich interpretiert, abhängig von Rolle, Erfahrung und Erwartung. Während Kosten meist klar bezifferbar sind, ist der Nutzen von Qualität oder einer Tätigkeit deutlich schwieriger zu quantifizieren. Ohne Kontext bleiben Zahlen abstrakt und können eher Unsicherheit als Orientierung erzeugen. Führung mit Zahlen beginnt deshalb nicht mit der Veröffentlichung von Kennzahlen, sondern mit deren Übersetzung in ein gemeinsames Verständnis. Wie dies gelingen kann, zeigt das folgende Praxisbeispiel.
Zahlen visuell verdeutlichen
Anlässlich einer Mitarbeiterversammlung wird ein neues Kostenmodell vorgestellt. Ziel ist es, Transparenz über Kosten, Leistungen und Verantwortlichkeiten zu schaffen. Statt Tabellen oder Kostenstellenlisten zu zeigen, entscheidet sich die Geschäftsleitung für eine bildhafte Darstellung: Drei Flaschen Orangenjus, jede mit einem Liter Inhalt, jedoch von unterschiedlichen Marken und zu unterschiedlichen Preisen.
Auf den ersten Blick sind alle drei Produkte gleich: gleicher Inhalt, gleiche Menge, gleicher Verwendungszweck. Genau hier setzt die Analogie zum neuen Kostenmodell an. Auch im Unternehmen werden Leistungen häufig als «gleich» wahrgenommen – obwohl sie sich in Qualität, Herstellungsaufwand, Risiken und Zusatznutzen deutlich unterscheiden.
Die drei Orangenjus stehen stellvertretend für drei unterschiedliche Leistungstypen oder Kostenvarianten im Unternehmen: Die Visualisierung macht deutlich: Kosten sind nicht isoliert zu betrachten, sondern immer im Zusammenhang mit dem jeweiligen Leistungsversprechen. Genau diesen Zusammenhang bildet das neue Kostenmodell systematisch ab.
Das Beispiel verdeutlicht: Zahlen entfalten dann Wirkung, wenn sie sichtbar, beurteilbar und anschlussfähig gemacht werden. Geschichten helfen dabei, Aufmerksamkeit und Motivation zu schaffen, Herausforderungen in einer Metapher erfahrbar zu machen und mögliche Lösungswege aufzuzeigen.
Drei Prinzipien für das Führen mit Zahlen:
Begründen statt überreden
Zahlen werden verstanden, wenn sie in Geschichten eingebettet sind. Narrative schaffen Bedeutung, stiften Sinn und fördern Identifikation.
Visualisieren statt tabellarisieren
Ein konkretes Bild wirkt stärker als jede Tabelle. Sichtbarkeit schafft Nähe und Verständnis.
Verstehen statt Reports versenden
Wer Zahlen gemeinsam deutet, stärkt Verantwortung, Vertrauen, Dialog und somit nachhaltigen Unternehmenserfolg.
Leadership bedeutet auch Sinnstiftung
Was im Praxisbeispiel aufgezeigt wird, lässt sich auch theoretisch verorten. Leadership setzt andere Schwerpunkte als das Management. Während Management primär auf Planung, Steuerung und Problemlösung ausgerichtet ist und sich auf die Bewältigung des Hier und Jetzt konzentriert, richtet sich Leadership stärker auf die Zukunft und die Menschen in der Organisation. Führung bezieht sich in diesem Verständnis nicht nur auf den wirtschaftlichen Kern, sondern insbesondere auf Erwartungen, Emotionen, Motivation und individuelle Perspektiven.
Hartmut Ihne (2017) beschreibt zwei unterschiedliche Menschenbilder. Ein kausalistisches Verständnis geht davon aus, dass Entscheidungen stark von äusseren Bedingungen geprägt sind. Ein freiheitliches Menschenbild hingegen betont die Fähigkeit zur Entscheidungsfreiheit und zur selbstverantwortlichen Gestaltung. Führung bewegt sich damit stets im Spannungsfeld zwischen ökonomischen Anforderungen und menschlicher Autonomie.
Historisch hat sich Leadership von autoritären zu partizipativen Modellen entwickelt, wobei Vertrauen und Kommunikation zentrale Führungsinstrumente wurden. Führung in diesem Verständnis hält den Menschen für frei und deshalb selbstverantwortlich. Führung setzt auf Argumentation: Durch Begründen anstelle von Überreden entsteht Überzeugung. (Ihne, 2017, S. 7-8).
In diesem Verständnis wird Führung zur Sinnstiftung. Sie entwickelt ein Narrativ, das Orientierung gibt und Mitwirkung ermöglicht. Führung mit Zahlen bedeutet in diesem Kontext, wirtschaftliche Vorgaben in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang einzubetten. Das zuvor dargestellte Praxisbeispiel mit dem Orangenjus verdeutlicht diesen Führungsanspruch. Zahlen wurden nicht als abschliessendes Argument eingesetzt, sondern als Ausgangspunkt für gemeinsames Verstehen. Erst durch Übersetzung, Visualisierung und den Dialog konnten sie Orientierung stiften und Vertrauen fördern.
Von der Messung zur Bedeutung
Was gerne Peter Drucker zugeschrieben wird: «What gets measured, gets managed» liesse sich mit «What gets explained, gets understood» ergänzen. Wer lediglich misst, kontrolliert. Wer erklärt, führt. Führung zeigt sich hier nicht im Präsentieren von Kennzahlen, sondern im bewussten Umgang mit deren Bedeutung.
Leadership im Umgang mit Zahlen bedeutet deshalb, Komplexität zu deuten und zu reduzieren. Verständlich machen heisst Weglassen (Reduzieren der Informationsmenge). Karl E. Weick (1995) beschreibt diesen Prozess als Sensemaking: die Fähigkeit, in unübersichtlichen Situationen Sinn zu schaffen. Führungskräfte übernehmen dabei die Rolle von Sinnstiftern, indem sie Zahlen nicht nur bereitstellen, sondern gemeinsam mit den Mitarbeitenden interpretieren. Zahlen werden so zum Ausgangspunkt eines Dialogs, nicht zum Endpunkt einer Entscheidung.
Zahlenkommunikation ist damit nicht nur Informations-, sondern auch Beziehungsarbeit. Führung mit Zahlen berührt immer die Frage des Vertrauens. Sie verlangt von Führungskräften, analytische und kommunikative Kompetenzen zu verbinden. Eine Fähigkeit, die in modernen Führungsweiterbildungen zunehmend als Kern zeitgemässer Datenkompetenz vermittelt wird.
Fazit
Führung mit Zahlen entscheidet sich letztlich nicht an der Präzision der Kennzahlen, sondern an ihrer Wirkung. Zahlen entfalten dann Führungskraft, wenn sie verstanden, eingeordnet und gemeinsam gedeutet werden. Genau darin liegt ihr Beitrag zu wirksamer, verantwortungsvoller Führung.
Die Autoren sind Teilnehmende des Executive MBA der Hochschule Luzern (Wirtschaft) und reflektieren, wie Führung mit Zahlen in verschiedenen Branchen zwischen Präzision, Bedeutung und Kommunikation gelingt.
Literaturhinweise
Ihne, H. (2017). Überlegungen und Nachfragen zu Leadership, Controlling, Menschenbildern und Algorithmen. In A. Gadatsch, A. Krupp & A. Wiesehahn (Hrsg.), Controlling und Leadership. Konzepte – Erfahrungen – Entwicklungen (E-Book) (S. 3-11). Springer Gabler.
Weick, K. (1995). Sensemaking in Organizations. Sage Publications.

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