DIGITALISIERUNG
Digitale Reife im Accounting:
Warum Technologie oft weiter ist als ihre Anwendung
Die Digital-Assessments 2025 von SwissAccounting zeigen ein klares Bild: Während einzelne Fachpersonen bereits als digitale Pioniere vorangehen, bleibt die digitale Leistungsfähigkeit vieler Finanzabteilungen hinter den Möglichkeiten zurück. Im Interview ordnet Fabian Meisser die zentralen Erkenntnisse ein, spricht über typische Denkfehler rund um Digitalisierung und KI – und erklärt, warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist, digitale Kompetenzen systematisch und praxisnah auszubauen.
Interview: Bettina Kriegel
Fabian Meisser, Sie haben die beiden Digital-Assessments 2025 eng begleitet. Welche zentralen Erkenntnisse haben Sie persönlich aus dem Selfassessment der Fachpersonen und dem Assessment zur digitalen Fitness von Finanzabteilungen mitgenommen?
Zuerst freut es mich, wie gross das Interesse war – das zeigt, wie sehr das Thema die Fachleute beschäftigt. Kurz gesagt: Man erkennt darin eine Normalverteilung. Rund zehn Prozent sind Pioniere und überall vorne dabei, etwa zehn Prozent stehen noch fast am Anfang, und die grosse Mehrheit liegt dazwischen. Insgesamt gibt es noch viel zu tun: Die Technologie ist weiter als das, was in Unternehmen und bei einzelnen Personen tatsächlich angekommen ist.
Wo klaffen Selbsteinschätzung und Realität am stärksten auseinander, wenn man individuelle digitale Kompetenzen mit der tatsächlichen Leistungsfähigkeit ganzer Finanzabteilungen vergleicht?
Wie bei einer Fussballmannschaft ist die Stärke des Teams nicht einfach die Summe der Einzelnen. Den Unterschied machen Strategie, Organisation, Prozesse und Führung. Es braucht dafür kein 100-seitiges Super-Konzept, sondern ein klares Zielbild – für alle sichtbar gemacht – und eine pragmatische Methodik, um sich kontinuierlich zu verbessern.
Gab es Ergebnisse, die Sie überrascht oder sogar nachdenklich gestimmt haben – etwa in Bezug auf strategisches Denken, Datenkompetenz oder den konkreten Einsatz von KI?
Was mich immer wieder überrascht und hier wieder bestätigt wurde: Datenqualität wird selten systematisch angegangen. Es geht nicht darum, jeden Datensatz zu perfektionieren, sondern die wirklich wichtigen, geschäftskritischen Daten zu definieren, sie laufend zu tracken und die Qualität auf einem Mindestniveau zu halten. Und trotz aller Möglichkeiten wird immer noch viel manuell kopiert, neu erfasst und wenig strukturiert bearbeitet.
Wenn Sie die Resultate zusammenfassen müssten: Welche drei Handlungsfelder sollten Finanzabteilungen aus Ihrer Sicht jetzt prioritär angehen, um ihre digitale Reife spürbar zu erhöhen?
Erstens: Skills. Technologie wirkt nur, wenn die Mitarbeitenden die Fähigkeiten mitbringen – durch gezielte Weiterbildung, individuell und als Team.
Zweitens: Mehr hands-on Umsetzen im Alltag. Weniger Folien, mehr Prototypen. Konkrete Anwendungsfälle auswählen (z. B. Rechnungslauf, Monatsreporting), einen einfachen Prototyp bauen, im Betrieb testen, Feedback aufnehmen und verbessern.
Drittens: Vorhandene Tools konsequent nutzen und aus dem Bestehenden mehr herausholen: Wir nutzen immer noch einen Bruchteil von den Funktionen, für die wir als Unternehmen bezahlen.
In Ihrer Arbeit begegnen Sie vielen Fachpersonen und Organisationen: Welche typischen Denkfehler oder Blockaden beobachten Sie immer wieder, wenn es um Digitalisierung und KI im Accounting und Controlling geht?
Häufig wird Technologie oder ein bestimmtes Tool als Wunderwaffe gesehen, welches nun endlich alle Probleme lösen soll. Wer kaum digitalisierte Prozesse oder verlässliche Daten hat und erwartet, dass KI alle Probleme löst, wird enttäuscht werden. Zuerst braucht es einen gewissen Grad an digitaler Reife: Erfahrungen sammeln, Begriffe und Methoden verinnerlichen, selbst ausprobieren. Der vielzitierte KI-Agent ist nur die Spitze des Eisbergs, viel Basisarbeit liegt darunter und kann nicht übersprungen werden.
Das modulare CAS «Digitalisierung und KI» von SwissAccounting greift genau diese Themen auf. Warum ist jetzt aus Ihrer Sicht der richtige Zeitpunkt, sich vertieft mit Digitalisierung und KI auseinanderzusetzen?
Man spricht schon lange von der Annäherung von Finanzen und IT – jetzt wird es konkret. Die strikte Trennung funktioniert in der Praxis oft schlecht; viele kennen mühsame Systemumstellungen, ausufernde Kosten und Missverständnisse zwischen Finanzen und IT. Daraus entsteht ein grosses Potenzial für Finanzfachleute, die sich an diese Schnittstelle wagen. Das CAS – kombiniert mit Learning on the Job – ist dafür ein guter Weg. Wir haben ihn bewusst sehr hands-on aufgebaut: genügend Theorie, aber vor allem viel Praxis mit Dozierenden, die sich täglich mit diesen Themen beschäftigen.
Man könnte auch überspitzt sagen: Sich nicht damit zu befassen, ist keine Option.
Mit Blick auf die Assessment-Erkenntnisse: Welche Inhalte oder Module des CAS erachten Sie persönlich als besonders wirkungsvoll für Fach- und Führungspersonen im Finanzbereich?
Das CAS betrachte ich als Ganzes – wie ein Puzzle, das erst zusammengesetzt seine volle Mächtigkeit entfaltet. Ein Beispiel: Wer in Business Intelligence und KI top ist, setzt ohne Einbindung der IT-Security womöglich gar nichts um, denn dafür braucht es das richtige Vokabular und Verständnis, um dies intern «zu Boden zu bringen». Ebenso ist KI ohne ERP Best Practices und Automatisierung schwierig: Ein KI-Agent, dessen Funktionsweise niemand versteht, wird nicht helfen.
Besonders am Herzen liegt mir natürlich der Business Intelligence Lehrgang: Er adressiert die Herausforderung von zersplitterten Datenlandschaften und ermöglicht aktuelle Datenauswertungen auf Knopfdruck – auch gleichzeitig aus verschiedenen unabhängigen Systemen. Das ist die Basis für viele Folgethemen wie Automatisierung und KI-Agenten.
Wo liegt für Sie der entscheidende Mehrwert des CAS – jenseits von Fachwissen – wenn es darum geht, Digitalisierung im eigenen Unternehmen aktiv voranzutreiben und mitzugestalten?
Der Austausch. Mit sehr qualifizierten Dozierenden – und vor allem unter den Teilnehmenden, die ähnliche Herausforderungen haben. Dieses Netzwerk trägt über die Unterrichtsphase hinaus: Fragen stellen, Erfahrungen teilen, voneinander lernen. Da ich ja nach zehn Jahren im Controlling 2019 auf die Seite der Berater gewechselt bin, sage ich in meinen Seminaren immer mit einem Augenzwinkern: Glaubt nicht uns Beratern, was funktioniert und was nicht, sondern tauscht euch untereinander aus!
Welche digitale Kompetenz oder Haltung wird aus Ihrer Sicht in den nächsten fünf Jahren zur entscheidenden Schlüsselqualifikation für Fachpersonen im Accounting?
Data Literacy – der flinke, routinierte Umgang mit Daten aller Art. Dazu die Haltung des lebenslangen Lernens, weil sich die Entwicklung rasant bewegt. Wer Daten kompetent nutzt und kontinuierlich dazulernt, wird im Finanzbereich der Zukunft besonders gefragt sein.
Vielen Dank für das Gespräch!

Fabian Meisser
M.A. HSG in Accounting & Finance, Data Scientist, Geschäftsführender Partner der DataVision AG und Vorstandsmitglied von SwissAccounting. Er verfügt über mehr als zehn Jahre Erfahrung im operativen Controlling mit Schwerpunkt Automatisierung und Analytics im Finanzbereich. 2019 gründete er mit Partnern die DataVision AG und begleitet seither Schweizer Unternehmen, in erster Linie KMU, bei der pragmatischen Digitalisierung von Finanzprozessen.

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