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Young Professional mit klarer Devise: machen!

Geschrieben von SwissAccounting | Mar 23, 2026 10:09:59 AM

PERSÖNLICH

Young Professional mit klarer Devise: machen!

Vom Flüchtlingskind zur eidgenössisch diplomierten Expertin in Rechnungslegung und Controlling: Asel Al Tahhan verbindet fachliche Exzellenz mit persönlichem Engagement. Ihr beruflicher Weg ist geprägt von Disziplin, Lernbereitschaft und dem festen Willen, Chancen zu nutzen. Als Mitglied des neu gegründeten Komitees von SwissAccounting young engagiert sie sich für Austausch, Weiterbildung und Verantwortung – und zeigt eindrücklich, warum Herkunft kein Hindernis, sondern ein starker Antrieb für berufliche und persönliche Entwicklung sein kann.

Interview: Dieter Pfaff und Bettina Kriegel  I  Fotos: Patric Spahni

Asel Al Tahhan, du bist Teil des neu gegründeten Komitees von SwissAccounting young. Erinnerst du dich an den Moment, in dem du beschlossen hast, dich mit einem Video – das wurde gefordert – dafür zu bewerben? Was hat dich spontan überzeugt, dich zu engagieren?

Ja, sehr gut. Ich befand mich gerade am Bahnhof Stettbach, als ich die E-Mail von Marija Atanasova erhielt. Die Anforderung, sich mit einem Video für die Mitarbeit im Komitee SwissAccounting young zu bewerben, war zunächst etwas speziell – passte aber gut, da ich dieses Format persönlicher und moderner finde. Ich bin überzeugt, das richtige Mindset mitzubringen, um mich im Bereich der Mitgliederarbeit zu engagieren und junge Menschen für die Mitgliedschaft in einem Berufs- und Fachverband zu begeistern.

Das Komitee von jungen Berufsleuten ist nun zusammengestellt. Welche Vision steht hinter diesem Projekt – und gibt es bereits konkrete Pläne oder erste Ideen, die dich besonders reizen?

Konkret haben wir im Februar unser erstes Kick-off-Treffen. Das Ziel ist, dass wir die jungen Fachkräfte aktiv einbinden und eine lebendige Community aufbauen. Das Eventangebot soll bewusst vielseitig und zugeschnitten auf die jüngere Generation gestaltet werden.

 

 

Was unterscheidet die Events von SwissAccounting young aus deiner Sicht von klassischen Fachveranstaltungen? Und welche Wirkung möchte das Komitee erzielen?

Ziel ist es, eine Plattform zu bieten, auf der sich Young Professionals fachlich weiterentwickeln, vernetzen und aktiv in das Verbandsgeschehen einbringen können. Neben Networking-Anlässen und After-Work-Formaten, die Spass machen sollen, sind auch Workshops, Keynotes, Paneldiskussionen oder Unternehmensbesichtigungen eine mögliche Option.

Was steht mehr im Vordergrund: Der Party-Gedanke oder das Fachwissen?

Das eine schliesst das andere nicht aus. In einer ersten Phase werden Networking-Anlässe stärker gewichtet. Mehr dazu kann ich noch nicht verraten. Eines ist gewiss: Die Teilnehmenden können sich darauf freuen.

Du hast im 2022 den Abschluss als dipl. Expertin in Rechnungslegung und Controlling erlangt. Was hat dich ursprünglich dazu bewogen, diesen anspruchsvollen Weg einzuschlagen? Das Diplom ist ja der Königsweg und wahrscheinlich bist du mit dem Fachausweis eingestiegen ...

Ich habe das ganze Paket gemacht. Gestartet bin ich mit einer kaufmännischen Lehre, habe anschliessend die Berufsmatur absolviert und wollte ursprünglich studieren gehen. Das Fach Accounting hat mich so stark inspiriert, dass ich mit der Berufsmatura in der Tasche einen Job im Treuhandbereich suchte und auch fand. Zunächst absolvierte ich die Ausbildung zur Sachbearbeiterin Rechnungswesen edupool, anschliessend den Fachausweis. Nach dessen Abschluss legte ich eine zweijährige Pause ein. Danach wollte ich mich nochmals neu «challengen» und entschied mich, den Weg zur dipl. Expertin in Rechnungslegung und Controlling in Angriff zu nehmen.

Du hast den Fachausweis erst im zweiten Anlauf geschafft – ist das richtig? Das macht vielen im Hinblick auf die Prüfungen im Frühling Mut.

Ja, das ist richtig. Im ersten Anlauf habe ich den Fachausweiss ganz knapp nicht bestanden, weil ich mich damals in einer persönlichen Lebenskrise befand. Danach habe ich mich bewusst nochmals aufgerappelt und mich zu einem Repetitionskurs der Controller Akademie angemeldet – nach dem Motto: Jetzt erst recht!

Was hat dich zum Accounting gebracht? Viele können bekanntlich mit Zahlen nicht viel anfangen.

Das ist bei mir wohl genetisch bedingt. Meine Mutter war bereits Controllerin, und dieses Denken hat mich früh geprägt. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass das, was links gebucht wird, auch rechts stehen muss. Ich liebe es, wenn am Ende eine Null steht (lacht).

 

 

Du bist Mitglied bei SwissAccounting. Wie wichtig ist es aus deiner Sicht, dass sich junge Leute im Fachverband engagieren? Was spricht aus deiner Sicht für einen Beitritt?

Der Austausch im Netzwerk ist für mich zentral. Der Kontakt mit Berufskolleginnen und -kollegen sowie mit Gleichgesinnten ermöglicht es, voneinander zu lernen und unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen. Dabei zu sein und sich aktiv auszutauschen, empfinde ich als sehr wertvoll.

Ebenso wichtig ist der fachliche Aspekt: Die Entwicklungen im Accounting verlaufen heute sehr schnell, und es ist entscheidend, fachlich am Ball zu bleiben und sich laufend über Neuerungen zu informieren.

Nicht zuletzt spielt für mich auch das persönliche Engagement eine grosse Rolle. Ich bin so aufgewachsen, dass man sich einbringt und Verantwortung übernimmt. Genau das schätze ich an SwissAccounting: Der Verband bietet die Chance, sich aktiv zu engagieren, mitzuwirken und den Berufsstand mitzugestalten. Das lohnt sich.

Zurzeit absolvierst du den Lehrgang CAS «Digitalisierung und KI im Accounting» – dein Bildungshunger scheint ungebrochen. Was hat dich zu diesem Lehrgang bewogen, und welchen Mehrwert erhoffst du dir für deine berufliche Praxis?

Ich bin derzeit bei der Helvetia Baloise tätig. Bereits vor der Fusion – im vergangenen Frühling – haben wir bei der damaligen Helvetia eine umfassende Finance Transformation angestossen. Genau diese Themen stehen auch im CAS «Digitalisierung und KI» im Fokus. Der Lehrgang ist sehr praxisnah konzipiert und gezielt auf solche Fragestellungen ausgerichtet. Deshalb war für mich rasch klar, dass ich davon nur profitieren kann. Inzwischen befinde ich mich in der Mitte des CAS und kann das erworbene Wissen sehr gut in der beruflichen Praxis anwenden.

Welche Position hast du bei der Helvetia Baloise inne – und hat sich deine Funktion im Zuge der Fusion verändert?

Bis Ende 2025 war ich im Group Accounting tätig, seit Kurzem arbeite ich im Bereich Market Unit Financial Management – vergleichbar mit dem Group Controlling – bei der Helvetia Baloise. Durch die Fusion hat sich für mich eine neue Tür geöffnet. Nach sechs Jahren im Group Accounting war dieser Wechsel für mich ein passender nächster Schritt. Die Versicherungsbranche ist zahlenmässig äusserst vielfältig und komplex – genau darin liegt für mich ihr besonderer Reiz. In einem so grossen Unternehmen kann ich mich fachlich wie auch persönlich sehr gut entfalten.

Du hast eine spannende Lebensgeschichte. Welche Rolle spielt dein familiärer Hintergrund für deine heutige Haltung zu Bildung, Beruf und Verantwortung?

Mein Bruder, meine Mutter und ich waren Flüchtlinge aus dem Irak; wir sind Christen. Mein Vater ist im ersten Golfkrieg gefallen. Als christliche Familie in einem muslimisch geprägten Land und ohne Familienoberhaupt hatten wir kaum Perspektiven. Meine Mutter wollte ursprünglich bleiben, entschied sich aber 1994 – ich war damals vier Jahre alt – uns zuliebe zur Flucht in die Schweiz.

Sie sagte damals: «Neues Land, neue Chancen – und jetzt sofort Deutsch lernen. Und ja nicht auf Kosten des Staates leben. Diese Chancen packen wir gemeinsam.» Diese Haltung hat mich nachhaltig geprägt. Deshalb ist mir mein beruflicher Weg so wichtig. Mein Beruf ist für mich mehr als nur Arbeit – er ist auch eine Berufung. Ich habe das grosse Glück, einen Beruf auszuüben, der mich interessiert und erfüllt. Schon früh wurde mir mitgegeben, dass ich nicht auf der faulen Haut liegen darf, sondern diese Chance nutzen und Verantwortung übernehmen muss, um hier ein neues Leben aufzubauen.

Deine Mutter war Controllerin im Irak – in welchem Bereich?

Ja, sie war dort in der Geschäftsleitung einer Getränkefirma.

Gab es weitere Personen in deiner Familie oder im näheren Umfeld, die dich besonders unterstützt oder inspiriert haben?

Ich hatte nur wenige prägende Bezugspersonen in meinem Leben. Eine davon war besonders wichtig: mein Pflegevater in der Schweiz. Mit zwölf Jahren kam ich in seine Familie, weil meine Mutter schwer erkrankt war. Er wurde zu meiner Wahlverwandtschaft und hat mich in einer entscheidenden Phase meines Lebens stark unterstützt. Heute ist er 80 Jahre alt, wir haben nach wie vor wöchentlich Kontakt. Es ist mir ein grosses Anliegen, ihm etwas von dem zurückzugeben, was er mir mitgegeben hat.

Meine Mutter steht weiterhin in ärztlicher Betreuung, ist heute aber glücklich und zufrieden. Sie ist mittlerweile pensioniert und äusserst dankbar für die wertvolle Unterstützung, die sie in der Schweiz erfahren hat.

Was hat deinen Ehrgeiz und Resilienz geprägt?

Meine Resilienz und mein Ehrgeiz sind stark durch meine Kindheit geprägt – vor allem durch die Zeit bis zu meinem zwölften Lebensjahr. Meine Mutter musste immer arbeiten. Mein zwei Jahre älterer Bruder und ich waren früh auf uns selbst gestellt. Anfangs hat er sich stärker um mich gekümmert, später habe ich ihn schulisch unterstützt. Ich bin wohl etwas disziplinierter als er (lacht).

Diese Erfahrungen haben mich widerstandsfähig gemacht. Mein Ehrgeiz und mein Lebensmotto haben mir dabei immer geholfen: «Der Weg ist das Ziel. Und auch wenn er steinig ist und du hinfällst, musst du wieder aufstehen.» Diese Haltung hat mich auch durch die Ausbildung zur diplomierten Expertin getragen – allein beim Gedanken daran bekomme ich heute noch schwitzige Finger (lacht).

Was möchtest du jungen Frauen – insbesondere auch solchen mit Migrationshintergrund – mit auf den Weg geben?

Wenn euch ein Metier interessiert, dann vertieft es – auch wenn es anspruchsvoll ist und ihr denkt: «Diesen Berg kann ich nicht besteigen». Es gibt heute so viele Hilfsmittel, um ans Ziel zu kommen: Man kann YouTube-Videos schauen, Podcasts hören oder – wie ich es gemacht habe – gezielt Nachhilfe holen. Wichtig ist, dranzubleiben und sich nicht entmutigen lassen.

Was rätst du jungen Berufsleuten, die sich fachlich weiterentwickeln möchten, aber noch zögern, sich zu exponieren oder aktiv zu vernetzen?

Weiterbildung ist aus meiner Sicht enorm wichtig. Deshalb habe ich mir immer wieder bewusst neue Ziele gesetzt und alle zwei Jahre eine Ausbildung gemacht. Mit Weiterbildung gewinnt man nicht nur Wissen, sondern auch Sicherheit. Man hat die nötigen Tools, um sich im Beruf weiterzuentwickeln und im Unternehmen aktiv mitzugestalten. Meine Devise lautet deshalb ganz klar: machen!

Wo siehst du dich in fünf bis zehn Jahren – beruflich wie auch privat?

Privat sehe ich mich ganz klar mit einem Hund – mein Traum ist ein Cocker Spaniel. Wenn es so weit ist, kann ich mir gut vorstellen, mein Arbeitspensum auf 80 Prozent zu reduzieren. Beruflich strebe ich eine Leitungsfunktion bei der Helvetia Baloise an oder sehe mich auch extern in einer verantwortungsvollen Rolle im Zahlenbereich. Wichtig ist mir, mich weiterentwickeln zu können und meine fachlichen Stärken gezielt einzubringen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Asel Al Tahhan ist neu eines von sechs Mitgliedern im Komitee von SwissAccounting young. Die diplomierte Expertin in Rechnungslegung und Controlling entdeckte ihr Flair für Zahlen früh. Ihr beruflicher Bildungsweg führte sie nach der kaufmännischen Lehre über den Sachbearbeiter edupool und den Fachausweis im Finanz- und Rechnungswesen bis hin zum eidgenössischen Diplom. Seit der Fusion der Helvetia Baloise ist Asel Al Tahhan neu im Market Unit Financial Management des Versicherungskonzerns tätig.

Die 36-Jährige ist ledig und plant demnächst einen Wohnortwechsel von St. Gallen nach Zürich. Ihre Familie stammt ursprünglich aus dem Irak und floh nach dem Golfkrieg 1994 in die Schweiz.